ChessBase Magazin

Französisch Winawer-Variante 4.Sge2

Winawer light!

Petra Papp favorisiert 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.Sge2!?

Unsere Ausgangszüge lauten 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 und jetzt 4.Sge2!?.

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Winawer-Französisch ist ein Klassiker, dessen Beliebtheit ungebrochen ist. Die Varianten können recht komplex sein, insbesondere nach dem Hauptzug 4. e5, der meiner Meinung nach die prinzipielle Fortsetzung darstellt. In diesem Artikel möchte ich mich jedoch auf 4.Sge2!? konzentrieren, eine sehr trickreiche Variante, die ein Bauernopfer beinhaltet. Weiß überdeckt den Springer auf c3 und möchte im nächsten Zug a2-a3 spielen. Ich habe diesen Königsspringerzug in meiner Praxis oft ausprobiert und er gehört definitiv zu meinen Favoriten.

Da meine Analyse bereits mit dem vierten Zug beginnt, umfasst der Artikel recht viel Material (aber immer noch deutlich weniger als bei 4.e5, ein weiterer großer Vorteil von 4.Sge2!?). Ich habe die kritischen Stellungen eingehend untersucht, die wichtigsten Ideen und Muster hervorgehoben und viele interessante Varianten mit dynamischen Möglichkeiten entdeckt. Objektiv betrachtet kann Schwarz ausgleichen, aber es gibt jede Menge Spiel, was 4.Sge2!? zu einer sehr guten Waffe gegen die komplizierte Winawer-Verteidigung macht!

Im obigen Diagramm hat Schwarz verschiedene Reaktionsmöglichkeiten. Untersuchen werde ich A) 4…Se7, B) 4…Sf6, C) 4…Sc6 und D) 4…dxe4.

A) 4…Se7

Kein kritischer Zug. Mit dem Springer auf e2 kann Weiß nun den schwarzen Läufer befragen, ohne sich Sorgen um seine Bauernstruktur machen zu müssen. 5.a3! La5. Verständlicherweise ist dies viel beliebter als 5…Lxc3+ 6.Sxc3, wodurch Weiß quasi „gratis“ das Läuferpaar erhält.

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Weiß hat nun verschiedene Möglichkeiten: das positionelle 6.g3 mit der Absicht, Lg2 und 0-0 zu spielen, oder 6. b4!? gefolgt von e4-e5, was aggressiver, aber auch riskanter ist. Beides wird in Solodovnichenko,Y - Gdanski,J 1-0 behandelt.

B) 4…Sf6

Der dritthäufigste Zug. Dieses Abspiel ist eine Mischung aus der Steinitz- und der Winawer-Variante. Obwohl es wie eine ungewöhnliche Kombination erscheinen mag, ist die Sache für Schwarz durchaus spielbar. 5.e5 Sfd7 6.f4. Weiß baut das übliche starke Bauernzentrum auf. 6…0-0 7.Le3.

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Nach a3, um den Läufer auf b4 zurückzudrängen, könnte Weiß schnell f4-f5 anstreben. Eine andere Möglichkeit wäre, den Springer mit Sg1!? umzuleiten und dann Dh5 zu spielen, wonach Aufstellungen mit Ld3 für Schwarz recht gefährlich sind. Die Details finden sich in Gschnitzer,A - Ehrlich,R 1-0.

C) 4...Sc6

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Dieser logische Zug ist die zweitbeliebteste Wahl und eine solide Option. Schwarz hält die Spannung aufrecht und wartet auf die Antwort von Weiß. 5. exd5!?. Durch die Schaffung einer symmetrischen Bauernstruktur im Zentrum erhält Weiß einen leichten Vorteil, da der Läufer auf b4 nicht optimal steht (5.a3 führt wahrscheinlich durch Zugumstellung zu D) 4…dxe4; auf 5.e5 dagegen folgt stark 5…f6! mit Unterminierung des Zentrums). 5…exd5 6.a3!. Nutzt die Tatsache, dass der Läufer nicht auf sein natürliches Feld d6 zurückziehen kann. 6…La5

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und jetzt hat Weiß verschiedene Möglichkeiten. Sehr logisch ist 7.b4 Lb6 8.Sa4 gefolgt von c2-c3, aber mir gefällt auch das seltene 7.f3!?, das Weiß die Option gibt, Kf2 zu spielen. All dies wird in der Analyse von Pacher,M - Kislinsky,A 1-0 behandelt.

D) 4…dxe4

Die mit Abstand natürlichste und logischste Antwort. Nach 5. a3! kann Schwarz zwischen zwei Läuferzügen wählen.

D1) 5...Le7!?

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Dieser Rückzug bewahrt mehr Potenzial und Kampfgeist. Und nun hat Weiß zwei Hauptfortsetzungen.

D11) 6.Sxe4

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Der einfachste Zug ist meiner Meinung nach auch der beste. Diese Stellung erinnert an die Rubinstein-Variante. In Heimann,A - Meier,G 1/2 gelang es Weiß, gegen einen der größten Experten für diese Art von Bauernstruktur einen stabilen Vorteil zu erringen.

D12) 6.g4!?

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Wir kennen dies aus einer anderen Eröffnung: der Sizilianischen Verteidigung, wo der Bauernvorstoß g2-g4 typischerweise ein aggressiver Zug ist, insbesondere gegen die Entwicklung des Springers nach f6. Schwarz hat zwar mehrere Möglichkeiten zum Ausgleich, aber es gibt viele interessante Ideen für beide Seiten. Deshalb wollte ich 6.g4!? in einer separaten Partie analysieren. Ich möchte einen Spieler besonders hervorheben: Jonny Hector, ein schwedischer Großmeister, der der eigentliche Experte für diesen Zug ist und ihn in vielen Partien erfolgreich angewandt hat; einige davon werden in der Analyse von Christiansen,J - Ramirez,C 1-0 erwähnt.

D2) 5...Lxc3+!

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Der prinzipielle Zug. Schwarz verliert kein Tempo und kann so mit Nf6 den e4-Bauern behaupten. 6.Sxc3 Sc6! (6…f5 oder 6…Sf6 sind schwächer; Weiß erlangt hier jeweils klaren Vorteil.)

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Das Angreifen des d4-Bauern ist am besten. Wenn Weiß ihn mit 7.Le3 deckt, kann Schwarz mit 7…Sf6 antworten, ohne Lg5 befürchten zu müssen.

Dies ist eine kritische Stellung. Ich habe zwei Züge eingehend analysiert. 7.d5!? öffnet das Zentrum und zielt auf einen leichten Vorteil ab, siehe Titan 1.1.0 64-bit 8CPU - PlentyChess 4.0.0 64-bit 1/2. Das größte Potenzial sehe ich jedoch im sehr seltenen 7.Lf4!?. In vielen Varianten opfert Weiß den d4-Bauern. Schwarz muss genau wissen, was in dieser Stellung zu tun ist, siehe Kulon,K - Socko,M 1-0.

Fazit: Ich hoffe, lieber Leser, ich konnte Ihr Interesse an der Variante 4.Sge2!? wecken. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass das Material etwa zehnmal geringer ist als bei 4.e5, sodass Sie sich deutlich weniger merken müssen. Gleichzeitig gibt es viele wunderbare, trickreiche Varianten, wie Sie in der Auswahl der Beispielpartien sehen können. Ich wünsche Ihnen viele Siege mit dieser cleveren Alternative gegen Winawer!