Grischuks Geniestreich!
Petra Papp präsentiert eine Überraschung in der Sizilianischen Kan-Variante
Unsere Anfangszüge lauten 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.c4 Sf6 6.Sc3 Dc7 7.Le2 b6 8.0–0 Lb7.

Die Kan-Variante der Sizilianischen Verteidigung galt schon immer als kämpferische Eröffnung. Nach 5.c4 Sf6 6.Sc3 wendet Schwarz die typischen Igel-Züge ...Dc7, ...b6 und ...Lb7 an und hält dabei den schwarzfeldrigen Läufer flexibel (der noch nach e7, d6, c5 oder b4 entwickelt werden kann). In der obigen Diagrammstellung gibt es jedoch eine brillante Idee: 9.Sd5!!.

In den Datenbanken finden sich nur wenige Partien mit diesem Springeropfer, was es zu einem echten Geheimtipp macht! Der prominenteste (wenn auch nicht der erste) Spieler, der es anwandte, war Alexander Grischuk; man darf also getrost davon ausgehen, dass er es eingehend analysiert hat.
9...exd5 10.exd5!.

Betrachten wir diese Stellung.
Weiß hat einen Springer geopfert, für langfristige positionelle Kompensation. Die e-Linie wurde geöffnet, und eine Schwerfigur könnte dort bald auftauchen, um den schwarzen König e8 ins Visier zu nehmen. Das Bauernpaar c4/d5 lähmt sowohl den Läufer auf b7 als auch den Springer auf b8 vollständig. Der Zug ...d7-d6 (um ...Sbd7 zu ermöglichen) würde das Feld c6 schwächen und den Läufer auf f8 passiv machen. Der weiße Springer auf d4 schielt auf einen hervorragenden Vorposten auf f5. Der ideale Aufbau für Weiß besteht aus Ld3, Lg5 und Te1. Schwarz setzt vor allem darauf, den Springer nach e4 zu manövrieren und mit Ld6 und Dc7 eine Batterie zu bilden, um Gegenspiel zu erzeugen. Schließlich bleibt noch die Option, die Figur mit ...Sc6 zurückzugeben.
Insgesamt stehen die Chancen für Weiß hervorragend, und ich bin mir ziemlich sicher, dass 9.Sd5!! große Popularität erlangen wird!
Im obigen Diagramm werde ich die folgenden Fortsetzungen für Schwarz untersuchen: A) 10...h6?!, B) 10...Lc5!? und C) 10...Ld6!.
A) 10...h6?!
Verhindert Lg5. Dennoch wirkt dieser Zug wie ein reiner Zeitverlust. Er kam in einer Partie vor, die vor etwa 30 Jahren gespielt wurde. Gueth,D - Haufe,W 0-1 enthielt etliche Fehler, aber ich machte eine wichtige Entdeckung, weshalb ich sie dennoch in den Artikel aufgenommen habe: 11.Lf3!.

Eine deutliche Verbesserung gegenüber der Partie. Der Läufer steht gut auf der Diagonale h1-a8, wo es zahlreiche taktische Ansatzpunkte gibt. Zudem bereitet sich Weiß darauf vor, die offene e-Linie umgehend mit den Schwerfiguren zu nutzen. Die Partieanmerkungen zeigen auch, was geschieht, wenn Schwarz 10...d6?! spielt.
B) 10...Lc5!?
Ein logischer Zug; der Läufer wird auf ein natürliches Feld entwickelt. 11.Sf5!. Na klar! Der Springer ist auf f5 sehr aktiv und droht, auf g7 zu schlagen. 11...Kf8!. Nach dem natürlich wirkenden 11...0-0 verfügt Weiß über mehrere sehr vielversprechende Fortsetzungen, wobei 11.b4!? die energischste ist.

Schwarz deckt den Bauern g7 mit dem König und behält sich die Option ...Tg8 vor, um die Stellung zu festigen. Weiß verfügt nun über mehrere Pläne, und es ist schwer zu entscheiden, welcher objektiv der beste ist. In den Anmerkungen zur Ballotti,L - Margaryan,A 1-0 analysiere ich drei Züge recht eingehend: 12.b4!?, 12.Lg5!? und 12.Dd2!?. In allen Varianten erhält Weiß eine sehr vielversprechende Stellung!
C) 10...Ld6!
Dieser aktive Zug kam in den meisten Partien aufs Brett. Die Dame-Läufer-Batterie verschafft Schwarz sofort Gegenspiel auf der Diagonale nach h2.

11.Sf5! (11.Ld3!?, was Ideen mit ...Se4 wirksam unterbindet, ist eine sehr interessante Neuerung, siehe Narva,M - Martic,I 1-0) 11...0-0 12.Lg5!. Aktive Entwicklung. Schwarz kann diesen Läufer mit ...Se4 angreifen, doch der Springer wird dort recht unsicher stehen. 12...Lxh2+ 13.Kh1 Se4 14.Le3!.

14...Le5 (Auf 14...Lf4!? zwei gute Erwiderungen, 15.Ld3 und 15.Ld4) 15.Ld3!.

Der Angriff auf den instabilen Springer ist der stärkste Zug. Zudem ist nun die Diagonale d1–h5 für die weiße Dame geöffnet. In dieser äußerst komplizierten Stellung muss Schwarz schwierige Verteidigungs- und Gegenangriffszüge kennen und finden, um zu überleben. Und selbst wenn ihm dies gelingt, behält Weiß die besseren Chancen. In der Partie Grischuk,A - Jumabayev,R 1-0 geschah 15...Sf6? 16.f4!, woraufhin Grischuk einen sehr schönen Sieg errang!
Fazit: Ich halte das gesamte Konzept des positionellen Springeropfers 9.Sd5!! für brillant. Die Idee ist noch relativ unbekannt (nur sechs Partien in der Datenbank); wer also die Schlüsselkonzepte genau versteht, kann sich schnell einen erdrückenden Vorteil verschaffen. Kennt Schwarz die richtige Verteidigung, kann er die Partie zwar halten, doch Weiß behält dennoch eine angenehme Stellung. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei, in Grischuks Fußstapfen zu treten!